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Die Liebe besteht fort: Erfahrungen nach dem Tod


Meine Frau Monika starb, nach 27 Jahren Ehe, in einer Juninacht 2009 an einem Magenkarzinom. Wir hatten schwere und schöne Zeiten miteinander durchlebt, waren - abgesehen von den Arbeitszeiten - fast immer zusammen gewesen und liebten einander über alles, daher hätte ihr Tod meinen Zusammenbruch zur Folge haben müssen. Es kam anders.

Als sie starb, bat ich Gott um ein Zeichen, dass es ihr gut gehe. Zwei Tage nach ihrem Tod rief eine Freundin an und teilte mir mit, sie habe am Sterbetag, nachdem sie sich gerade hingelegt hatte, tiefen Frieden empfunden und auf einmal Monikas Stimme gehört. Diese Stimme, die sie eindeutig erkannte, habe ganz erstaunt und erfreut geklungen: "Ist das schön hier! Hätte ich das doch nur gewusst! Trauert bloß nicht um mich." Es stellte sich heraus, dass die Freundin die Stimme genau in der Stunde des Todes gehört hatte. Zu dieser Zeit hatte sie nicht gewusst, dass Monika starb, und es erst geahnt, als sie die Stimme wahrnahm.

Für mich stand fest, dass Monika sich gemeldet hatte. Man kann sich vorstellen, wie glücklich mich das machte. Als ich anderen Verwandten davon erzählte, nahm es jedoch kaum einer zur Kenntnis; es schien für sie bedeutungslos zu sein. Nur einer bestätigte mir, schon einmal eine ähnliche Wahrnehmung gehabt zu haben: Er hatte eindeutig seinen verstorbenen Vater neben sich im Zimmer gefühlt.

Wenige Tage darauf, bei der Beerdigung, ereignete sich etwas kaum Fassbares: Den ganzen Tag über erfüllte mich eine kaum beschreibbare Leichtigkeit sowie tiefe Freude und Friede. Ich wusste Monika die ganze Zeit über bei mir. Dabei hatte ich nicht etwa irgendwelche Medikamente oder Stimmungsaufheller genommen. Angesichts der Trauer der Gäste bemühte ich mich, meine Freude nicht zu sehr zum Ausdruck kommen zu lassen, und bedauerte die anderen, die unter Monikas Tod litten. Am liebsten hätte ich gesagt: Seid nicht traurig, sie lebt, sie ist doch hier bei uns und nicht im Sarg. Aber vermutlich hätte man höflich genickt und bei sich gedacht: Der Arme, jetzt sieht er in seinem Schmerz schon Gespenster. Nur einige wenige sprach ich an, von denen ich vermutete, sie würden mir glauben.

An diesem Tag war es sehr heiß, die Trauergäste schwitzten und litten unter der Temperatur. Doch die ganze Zeit über fühlte ich eine angenehme Frische, als würde mich eine unsichtbare kühlende Wolke umgeben.

In der Folgezeit trat das intensive Empfinden der Freude und Leichtigkeit immer wieder mal auf, insbesondere dann, wenn ich besonders traurig hätte sein müssen. Das war z.B. dann der Fall, als ich das Krankenhaus, in dem der Tumor entdeckt worden war und wo Monika 17 Mal mit Chemotherapien behandelt worden war, wegen einer Vorsorgeuntersuchung aufsuchen musste, oder auch bei einer Reise nach München, wo sie und ich oft unseren gemeinsamen Urlaub verbracht hatten. Mir drängte sich geradezu der Gedanke auf, sie wolle nicht, dass ich um sie trauere. Tatsächlich hat die Wahrnehmung von Monikas Gegenwart die Trauer stark gemildert.

Seit ihrem Tod sprach ich mit so manchen Freunden und Bekannten über meine Erfahrungen. Gelegentlich kam die Antwort, ich hätte mir die Sache wohl eingebildet. Erstaunlich viele aber gingen unbefangen mit dem Thema um, und etliche sagten mir, sie hätten vergleichbare Erlebnisse gehabt. Nahe Angehörige, die mit mir vorher niemals darüber gesprochen hatten, berichteten mir auf meine Nachfrage hin, in Kontakt mit meinem verstorbenen Vater gestanden zu haben.

Nach meinen zwischenzeitlichen Erfahrungen muss das, was am Anfang dieses Textes steht, ergänzt werden: Monika und ich liebten uns nicht nur vor ihrem Tod, sondern wir lieben uns noch immer, mehr denn je. Aufgrund dessen, was mehrere Freunde und ich erlebten, glaube ich sagen zu dürfen: Die Liebe überdauert den Tod.

 

Christian von Kamp