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Ein seit langem fortbestehender Nachtodkontakt

Das Netzwerk Nahtoderfahrung und auch diese Internetseite hier kenne ich seit Jahren. Sie hat mir schon sehr weitergeholfen. Das war, als alles anfing…

Ja, auch ich habe einen Nachtodkontakt gehabt. Nein, falsch. Ich habe ihn noch immer, seit nunmehr fast 7 Jahren.

Unsere Geschichte ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.

Als wir Mitte der achtziger Jahre zusammenkamen, war ich eine dreißigjährige Krankenschwester und er ein 22-jähriger schwerkranker Medizinstudent.

An unserem ersten gemeinsamen Abend sprachen wir u.a. auch über einen hirntoten Patienten auf meiner Intensivstation, der etwas tat, was er nach Meinung der Schulmedizin eigentlich gar nicht mehr hätte tun können. Verstörung bei mir, aufmerksames Verständnis und Erklärungsversuche von meinem Partner. Fast augenblicklich entwickelte sich eine sehr leidenschaftliche und innige Beziehung zwischen uns. Großartige Erlebnisse und außergewöhnliche "Antennen" füreinander schweißten uns zusammen. Er war begeisterter Segelflieger. Ich allerdings hatte immer Angst davor, dass er abstürzen könnte.

Wir wollten heiraten und eine Familie gründen. Wegen unserer geplanten Hochzeit kam es dann auch zu unserem ersten und einzigen Streit. Wenige Monate danach beendet er unsere Beziehung. Da das plötzlich und ohne jede Vorwarnung geschah, blieb ich im Schock und schwerstverletzt zurück. Ich erfuhr den Grund für das Ende unserer Beziehung nicht und lehnte aus Angst vor dem damit verbundenen Schmerz später jede Informationen über sein weiteres Leben ab.

Ich lebte nach der Trennung lange allein. Wir hatten keinerlei Kontakt zueinander und unsere Wege führten uns Hunderte von Kilometern voneinander weg. Zwischen uns herrschte 22 Jahre lang absolute Funkstille.

Dann gab es plötzlich sehr merkwürdige Ereignisse in meinem Leben, die ich anfangs gar nicht verstand. Ich träumte mit zunehmender Häufigkeit und Intensität vom Absturz eines Flugzeugs. Ich selbst stürzte dabei ab, schlug jedoch niemals auf… Mein Blick war der aus dem Cockpit. Die Absturzträume variierten. Ein Traum allerdings, der erste, wiederholte sich mehrfach: In ihm sah ich Details aus der Umgebung und auch, dass das Flugzeug aus geringer Höhe fast senkrecht vom Himmel fiel. Ich sah den Boden, eine Graspiste, schnell auf mich zukommen. Da ich Zeit meines Lebens von Flugangst geplagt war, brachte ich das Ganze zunächst nicht mit meiner damaligen großen Liebe in Verbindung. Die Alpträume steigerten jedoch ihre Intensität immer weiter. Nach etlichen Wochen mit quälenden Nächten schoss mir eines Morgens urplötzlich sein Name durch den Kopf. Ich gab ihn in eine Suchmaschine ein. Es erschien - die Todesanzeige! Er war abgestürzt.

Was damals in mir vorging, war unbeschreiblich. Ich starb zu großen Teilen mit. Später erfuhr ich, dass sich die Tragödie genau an jenem Zeitpunkt ereignete, als meine Träume begannen. Sie endeten abrupt, als ich wusste, was meinem damaligen Partner widerfahren ist.

Das nächste Ereignis war nicht minder ungewöhnlich: Ein ganz besonderer Schmetterling flog in mein Arbeitszimmer. Sein Aussehen war seltsam und sein Verhalten war es auch. Diesmal begriff ich sofort, dass er wieder mit J. zu tun haben würde. Im Internet versuchte ich, diesen Schmetterling zu identifizieren. Ich konnte gar nicht glauben, was ich da las: Es war ein Segelfalter, ein seltenes Tier mit ganz besonderen Flugeigenschaften: Er kann als einziger Schmetterling mehrere Minuten unter Ausnutzung der Thermik ohne einen einzigen Flügelschlag segeln - genauso wie ein Segelflieger! "Segelfalter" - so heißt auch mein Buch, das ich über meine Erlebnisse geschrieben habe - nein, schreiben musste.

In der nächsten Zeit gibt es viele weitere solcher Zeichen bzw. Ereignisse, die alle einen eindeutigen Bezug zu ihm und unseren besonderen gemeinsamen Erlebnissen haben. Zeitweise kamen sie Schlag auf Schlag. Anfangs haben sie mich schwer getroffen. "Das alles gibt es doch gar nicht!" dachte ich immer wieder. Aber er schickte mir weiter Zeichen, von denen er wusste, dass ich sie früher oder später verstehen würde. Schließlich kannte er meine "Antennen"…

Ich sah, hörte und spürte zwar, lehnte aber lange ab, zu glauben, was mir da passierte. Aber: Eines Tages hörte ich zufällig die CD eines Straßenmusikers. Einige seiner Lieder erinnerten mich schmerzhaft an die Zeit mit J. - an meine eigenen Fehler, die mit seinem Verlust verbundene Trauer und meine Unfähigkeit, damit umzugehen. Die Texte berühren mich so sehr, dass ich beschloss, nun doch endlich in die Vergangenheit abzutauchen.

Während meines "Tiefseetauchens", wie ich es nannte, sah ich Aufnahmen und Filme von und über J. im Internet. Ich nahm Kontakt zu Menschen auf, die ihn kannten und mit ihm lebten. Ich erfuhr auch, warum er unsere Beziehung damals beendete. Er schien mir nun sein gesamtes Leben zu zeigen, das sich wie ein Puzzle vor mir ausbreitet; in dem Teilchen für Teilchen seinen Platz fand und schließlich ein Gesamtbild ergab. Ich erkannte, dass sich sein Absturz genau so abgespielt hat, wie ich es in diesem einen, immer wiederkehrenden Traum gesehen habe. Es waren SEINE letzten Bilder, die sich in meinen Träumen ständig wiederholten. Am Ende begriff ich, dass auch er mich nicht vergessen hat. Und nicht nur das:

Wir haben durch seinen Tod wieder Verbindung zueinander aufgenommen! Unsere Beziehung ist nicht zu Ende. Sie geht weiter.

 

Andrea von Wilmowsky